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Mobbing? It’s stupid!

Mobbing klingt wie ein englisches Wort. Darin steckt das Wort Mob. Und das stammt aus dem Lateinischen „ vulgus mobile“= umherziehendes (mobiles) Volk. Von solchen Leuten nämlich befürchteten schon die römischen Besatzer in England nur Unruhe und Aufruhr. Um 1750 nannte die Londoner Towerwache eine Volksmenge kurz und bündig „mob“. So nennt man seither unangemeldete Zusammenkünfte oder Umzüge. „Mob control“ ist bei Scotland Yard die Aufgabe jener Abteilung, die für die polizeiliche Demonstrationsbegleitung zuständig ist. Aber beim Wort „mobbing“ lacht der englische Muttersprachler verlegen – es klingt für ihn komisch, weil es irgendwie englisch daherkommt, aber eben doch nicht englisch ist.

Was Heinz Leymann auf die Idee brachte, das englische maskierte Mobbing als angebliches Fachwort für betriebliche Aggressivitäten unter Mitarbeitern zu propagieren, ist nicht bekannt. Nach seinen Angaben soll schon Konrad Lorenz die Aggressionen des Rudels gegen ein Mitglied „mobbing“ genannt haben – die Quellenangabe hierzu fehlt. Von dort sei das Wort in die „Kinderpsychologie“ aufgenommen worden (keine Quellenangabe), von der er, Heinz Leymann, es dann in die Arbeitspsychologie eingeführt habe.

Zum Mobbing-Autor Heinz Leymann finden sich im Internet nur spärliche Angaben: geboren am 17. Juli 1932 in Wolfenbüttel, seit 1955 schwedischer Pass und in Schweden wohnhaft. Er sei Dr.fhil.- so nenne man in Schweden „Wissenschaftler der Lernpsychologie, die sich auch mit praxisbetonten Methoden befaßt haben“. Er führe den akademischen Grad eines Dr. med. sci. (Doctor of medical science) in Psychiatrie, jedoch ohne Zulassung als niedergelassener Arzt. Er sei staatlich anerkannter Psychologe und habe im Bereich Arbeitswissenschaft an der Universität Umeå einen Lehrstuhl inne. Diese beruflichen Angaben konnten bisher nicht verifiziert werden (Stand I/2004). Vor 1955 bezeichnete sich Heinz Leymann jedenfalls noch als Informatiker. Ebenso erwiesen sich Leymanns Angaben über „Mobbing“-Fälle in Schweden als unauffindbar und daher nicht nachprüfbar.

Anfang der 90er tauchte Leymanns Mobbinglehre in diversen Publikationen des Deutschen Gewerk-schaftsbundes DGB und insbesondere der Industrie-gewerkschaft Metall IGM auf. Dem folgte zügig die Entwicklung eines organisatorischen Umfeldes mit Beratungsstellen, Schulungs- und Seminarange-boten und sogar einer Mobbingklinik, die angeblich in Bad Lippspringe speziell Mobbingopfer behandele (Vor Ort konnte jedoch lediglich eine alllgemeine psychosomatische Einrichtung identifiziert werden, die sich auf Befragen bereit erklärte, auch Mobbing-opfer aufzunehmen). Inzwischen sind zahlreiche einschlägige Arbeitsmittel für Mobbing-Interessierte verfügbar: Definitionen, Typologien, Tests, Check-listen, Trainingsunterlagen und sogar aufwändige gruppentherapeutische Verfahren.

„Mobben“ und „Mobbing“ sind inzwischen als englischartige Kunstwörter in die deutsche Um-gangssprache eingegangen – vergleichbar dem Handy, dem Pull-over oder dem Pull-under. Als vermeintliches Fachwort verbreitete sich „Mobbing“ Anfang der 90er Jahre unter gewerkschaftlich orientierten Betriebsräten, fand dann aber auch einen festen Platz in diversen Führungskräftetrainings und später im Sach- und Lehrbuchangebot einschlägiger, auf Betriebsführung spezialisierter Verlage. Als Autor fällt insbesondere ein Heidelberger Unternehmensberater auf, Ralf Brinkmann, der an der Fachhochschule Heidelberg beschäftigt ist und sich als „Professor, Dr. habil., Diplom-Psychologe/-Sozial-pädagoge“ vorstellt.

Das in Kriminologie und Sozialpsychologie wieder-holt beschriebene und experimentell gut belegte Phänomen, dass Gruppen ein Mitglied abzulehnen pflegen, das tatsächlich oder auch nur vermeintlich die Interessen seiner Gruppe gefährdet hat, fand unter dem Etikett „Mobbing“ erstmals nennenswerte publizistische Beachtung. Dabei wird allerdings stets ausgeblendet, dass diese Ablehnung auch jeder Ordnungs- und Strafregelung in praktisch allen Gesellschaften zugrunde liegt und insofern völlig ungeeignet ist, selber als Störung an sich diskriminiert zu werden (Wird der ertappte Dieb gemobbt?).

Die offizielle Mobbing-Definition des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf dessen Homepage lässt dieses Dilemma deutlich erkennen. Die nahe liegende Frage nach den Gründen, die zum Angriff auf eine Person führen, wird übergegangen:

"Mobbing ist eine konfliktbelastete Kommunikation am Arbeitsplatz unter Kollegen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, bei der die angegriffene Person unterlegen ist und von einer oder mehreren anderen Personen systematisch und während längerer Zeit direkt oder indirekt angegriffen wird mit dem Ziel und/oder dem Effekt des Ausstoßes und die angegriffene Person dies als Diskriminierung erlebt."

Obschon der originelle Einfall zu loben ist, den Angriff auf eine unterlegene Person „konfliktbelastete Kommunikation“ zu nennen - nach dem Stand der durchwegs gewerkschaftlich gesteuerten Publikationen wird jede Art von Sanktion – ausdrücklich auch inklusive Ab-mahnung, Versetzung oder Kündigung – als Mobbing oder Bossing bezeichnet. Daraus lässt sich ein praktisch unbegrenzter Beratungs- und Hilfebedarf ableiten. So gelang es etwa in mehreren Betrieben bereits, einen offiziellen „Mobbing-Beauftragten“ durchzusetzen – eine unglückliche und durchaus missdeutbare Bezeichnung, da der Sicherheits- ja auch nicht als Unfallbeauftragter, und der Qualitäts- nicht als Mängelbeauftragter auftritt.

In der Beratungspraxis kann es beim Stichwort Mobbing durchaus zu „konfliktbelasteter Kommunikation“ zwischen dem Psychologen und seinem Auftraggeber kommen. Der an der Sozialpsychologie wissenschaftlich orientierte Diplom-Psychologe müsste nämlich jedenfalls seinem Auftraggeber zu erkennen geben, dass trotz aller Popularität des Stichwortes die Regulationsmechanismen in Leistungsgruppen nicht verurteilt, sondern eher unterstützt werden sollten. Der Kontext einer etwaigen exzessiven Ablehnung eines Mitarbeiters seitens seiner Gruppe wäre in jedem Fall erst einmal zu untersuchen. Denn sie erweist sich in der Regel als handfestes Indiz von Eignungs- und/oder Leitungsmängeln. Die Bestandsaufnahme der Leitungsspanne, der Arbeitsmittel, der Befugnisse, der Eignungsmerkmale, der Prozesse und nicht zuletzt der Entlohnung hat bisher noch jedes „Mobbing“ aufgeklärt. Diese Möglichkeit haben allerdings Sozialpädagogen und Unternehmensberater in der Regel nicht.. Wer nämlich von der konkreten Arbeit im Betrieb nur wenig versteht, wird eher als Mobbing-Tröster erfolgreich sein – und das ist schließlich ganz im Sinne des Erfinders und seiner Adepten.


Quellen:
Mobbing wirkungsvoll begegnen -
ein Ratgeber der IG Metall", Oktober 2003

Informationen zur Angestelltenpolitik 03/1997
"Mobbing und Konflikte am Arbeitsplatz" (PDF-Datei)

"Mobbing; Der Ratgeber für Betroffene
und ihre Interessenvertretung"
Axel Esser, Martin Wolmerath; Bund-Verlag DGB;
ISBN 3-7663-2729-1,

"Mobbing, Bullying, Bossing -
Treibjagd am Arbeitsplatz"
Prof. Dr. Ralf Brinkmann; Unternehmensberater,
Dr. phil. habil. Dipl. Psychologe/Sozialpädagoge
Sauer-Verlag, 2002;
ISBN 3-7938-7287-4

Der Mobbing-Report
Bundesweite Untersuchung zum
Thema Mobbing, Sozialforschungsstelle
Dortmund, 2002, ISBN: 3-89701-822-5


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Hier finden Sie eine aktuelle Veröffentlichung aus dem Bayerischen Zahnärzteblatt (BZB - 03.2007) von Tim SIEBER zum Thema: Konflikte in der Zahnarztpraxis vermeiden.

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